Digitale Souveränität durch Open Source: Allheilmittel oder Trugschluss?
Keine Anwendung, Plattform oder Cloud-Architektur kommt heute ohne Open-Source-Komponenten aus. Von Betriebssystemen über Datenbanken bis hin zu Container-Technologien und Frameworks: Ein großer Teil der digitalen Infrastruktur basiert heute auf Open Source Projekten.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um einzelne Bibliotheken oder Entwicklerwerkzeuge. Viele Open-Source-Projekte haben sich zu zentralen Bausteinen moderner IT-Architekturen entwickelt. Da diese Projekte wiederum selbst auf anderen Open-Source-Komponenten aufbauen bzw. diese nutzen, entsteht eine komplexe Kette von Abhängigkeiten, eine technologische Lieferkette.
Einzelne Projekte können dadurch plötzlich eine enorme Bedeutung für ganze Systeme oder Plattformen bekommen. Besonders bemerkenswert sind dabei auch scheinbar kleine Projekte, die von wenigen Entwicklern, manchmal sogar nur von einem einzigen Maintainer, betreut werden, gleichzeitig aber eine enorme Verbreitung und Bedeutung in der globalen Softwarelandschaft haben.
Das ist nichts Ungewöhnliches. Softwareentwicklung funktioniert seit jeher nach diesem Prinzip: Man baut auf bestehenden Lösungen auf und setzt auf Wiederverwendbarkeit, statt alles neu oder selbst zu entwickeln. Genau das ist einer der wichtigsten Gründe für die enorme Geschwindigkeit und Innovationskraft moderner Softwareentwicklung.
Gerade deshalb spielt Open Source heute eine zentrale Rolle in der IT.
Doch Open Source ist längst mehr als nur ein Entwicklungsmodell geworden. Für viele ist es zu einer Überzeugung geworden, manchmal fast zu einer Ideologie.
In diesem Kontext wird Open Source heute teilweise auch als strategische Antwort auf Fragen technologischer Unabhängigkeit gesehen. Doch hier stellt sich eine entscheidende Frage:
Ist Open Source das Allheilmittel für digitale Souveränität – oder ist diese Erwartung zu einfach?
Jede Technologieentscheidung schafft Abhängigkeiten
Wenn man über Open Source spricht, wird häufig ein Argument besonders stark betont: Open Source soll helfen, Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern zu reduzieren und somit die digitale Souveränität zu stärken.
Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar. Wenn der Quellcode offen ist, kann man ihn prüfen, verändern oder selbst weiterentwickeln. Theoretisch entsteht dadurch mehr Kontrolle über die eingesetzte Technologie.
Doch die Realität ist etwas komplexer.
Denn jede technologische Entscheidung – egal ob Open Source oder proprietär – ist Teil einer übergeordneten IT-Strategie und beeinflusst den langfristigen Einsatz von Lösungen sowie deren Verwaltung. Das schafft neue Abhängigkeiten. Wer Software einsetzt, hängt immer von verschiedenen Faktoren ab:
- Release-Zyklen
- Sicherheitsupdates
- Weiterentwicklung der Plattform
- Stabilität des Ökosystems
- und den Menschen, die diese Software entwickeln
Open Source ist hier keine Ausnahme. Die Abhängigkeit verschwindet nicht, sie verschiebt sich lediglich von einem „bezahlten“ Produkt auf ein „Open Source“ Produkt.
Hinter vielen Open-Source-Projekten stehen Unternehmen
Ein weiterer Punkt wird in der Diskussion häufig unterschätzt: Die meisten relevanten Open-Source-Projekte entstehen nicht im luftleeren Raum. Viele dieser Projekte sind eng mit wirtschaftlichen Interessen, Standards und langfristigen Investitionen verbunden. Hinter ihnen stehen häufig Unternehmen oder Organisationen, die:
- Entwickler finanzieren
- Infrastruktur bereitstellen
- Roadmaps vorantreiben
- und die langfristige Weiterentwicklung ermöglichen
Das ist grundsätzlich nichts Negatives. Im Gegenteil: Ohne diese Strukturen würden viele Projekte gar nicht existieren oder nicht die notwendige Stabilität erreichen.
Doch es bedeutet auch, dass die Entwicklung eines Projekts nicht automatisch von einer „anonymen“ Community gesteuert wird.In vielen Fällen bestimmen wenige Organisationen oder Maintainer maßgeblich:
- welche Features priorisiert werden
- welche Architekturentscheidungen getroffen werden
- und in welche Richtung sich das Projekt entwickelt
Einfach gesagt: Wer die Entwickler bezahlt, hat zwangsläufig Einfluss auf die Entwicklung der Open Source Software.
Digitale Souveränität & Open Source: Die Illusion der vollständigen Kontrolle
Ein Gedanke taucht in Diskussionen über Open Source immer wieder auf: „Wenn uns etwas nicht gefällt, können wir den Code ja übernehmen.“
Auf den ersten Blick klingt das plausibel, denn schließlich ist der Code offen zugänglich und die Lizenzbestimmungen erlauben meistens auch, ihn zu nutzen, zu verändern oder weiterzuentwickeln. Man könnte ihn theoretisch forken und somit selbst weiterentwickeln.
Doch in der Praxis bedeutet das etwas völlig anderes. Jeder, der sich mit Softwareentwicklung beschäftigt, weiß, was das wirklich heißt. Wer ein Projekt eigenständig weiterführen möchte, übernimmt plötzlich Verantwortung für:
- Weiterentwicklung
- Sicherheitsupdates
- Release-Management
- Architekturentscheidungen
- Langfristige Wartung
Mit anderen Worten: Man betreibt plötzlich ein eigenes Softwareprodukt.
Und genau hier zeigt sich die eigentliche Herausforderung. Die meisten Organisationen wollen Software einsetzen, nicht selbst zum Softwarehersteller werden. Die Möglichkeit, Code zu übernehmen, existiert also. Sie ist jedoch in der Realität nur selten eine echte Option. Besonders bei sicherheitskritischen Systemen und sensiblen Daten zeigt sich, dass die vollständige Kontrolle über Software in der Praxis nur schwer realisierbar ist.
Auch Open Source ist nicht statisch
Ein weiterer Punkt wird häufig übersehen: Open-Source-Projekte entwickeln sich weiter – organisatorisch, technisch und auch wirtschaftlich.
Maintainer wechseln.
Roadmaps verändern sich.
Communities verschieben sich.
Und auch Lizenzmodelle können sich ändern.
Gerade in den letzten Jahren gab es mehrere prominente Beispiele dafür. Projekte wie MinIO, Redis, Elastic oder Terraform haben ihre Lizenzmodelle angepasst oder kommerzielle Varianten stärker in den Mittelpunkt gestellt. Für Unternehmen, die stark auf diese Technologien gesetzt haben, kann das erhebliche Auswirkungen auf die eigene Architektur, Kostenstruktur oder langfristige Strategie haben. Änderungen an Lizenzmodellen oder Strukturen können zudem regulatorische Vorgaben und strategische Ziele von Unternehmen beeinflussen.
Unternehmen rund um erfolgreiche Open-Source-Projekte entwickeln häufig kommerzielle Varianten, Supportmodelle oder alternative Lizenzstrategien. Open Source reduziert bestimmte Risiken, aber es eliminiert sie nicht.
Open Source ist wertvoll – aber kein Allheilmittel
All das bedeutet nicht, dass Open Source problematisch wäre.
Im Gegenteil. Offene Standards und Open Source-Software sind relevant. Viele der wichtigsten Technologien unserer Zeit entstehen in offenen Projekten. Open Source ermöglicht Innovation, Zusammenarbeit und Transparenz auf globaler Ebene.
Auch wir bei Widas setzen bei unseren Produkten cidaas, cnips und clavik bewusst und gezielt auf Open Source.
Open Source bietet viele Mehrwerte, etwa in Bezug auf Innovation, Transparenz oder Flexibilität. Diese Vorteile sind jedoch unabhängig von der Frage der digitalen Souveränität. Der entscheidende Punkt ist jedoch ein anderer:
Ist Open Source ein Allheilmittel? Nein.
Open Source nimmt uns nicht die bewusste technologische Entscheidung ab und genau diese bewusste Entscheidung ist die Grundlage digitaler Souveränität. Gerade im Kontext der digitalen Transformation und der zunehmenden Digitalisierung wird deutlich, dass Open Source ein wichtiger Baustein, aber kein alleiniger Hebel für die Zukunft ist.
Open Source ist vielmehr ein Teil der technologischen Vielfalt, aus der Unternehmen wählen können. Wie jede andere Technologie erweitert es den Werkzeugkasten, ersetzt aber nicht die Verantwortung, Architekturentscheidungen bewusst zu treffen.
Ein gutes Beispiel dafür sind Cloud-Plattformen, die auf Technologien wie OpenStack aufbauen. Eine gemeinsame technologische Grundlage kann zwar Interoperabilität erleichtern, schließt einen Vendor Lock-in jedoch noch lange nicht aus. Entscheidend ist deshalb nicht nur die zugrunde liegende Technologie, sondern auch, ob Anbieter klare und realistische Exit-Pfade ermöglichen und diese nicht durch unnötige Hürden, Kosten oder proprietäre Erweiterungen einschränken.
Besonders in Europa und auf Länderebene gewinnt die Frage nach souveränen Technologien und digitalen Infrastrukturen zunehmend an Bedeutung.
Fazit: Digitale Souveränität mit Open Source?
Open Source ist und bleibt wertvoll. Doch digitale Souveränität und Open Source können nicht gleich gesetzt werden: Es ersetzt keine Strategie, keine Governance und keine Verantwortung.
Es wichtig zu betonen, dass digitale Souveränität nicht durch vollständige Kontrolle über jede einzelne Technologie entsteht. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, digitale Lösungen bewusst auszuwählen, deren Einsatz zu steuern und Abhängigkeiten aktiv zu gestalten.
Unternehmen, die ihre Strategie klar definieren, ihre Daten im Blick behalten und technologische Entscheidungen reflektiert treffen, schaffen die Grundlage für nachhaltige, digitale Unabhängigkeit.
Mehr Infos zu digitaler Souveränität, Open Source und sichere IT-Systeme:
Erfahren Sie dazu mehr auf den folgenden Seiten:
- Digitale Souveränität
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- IAM made in Europe: Digitale Souveränität beginnt mit mutigen Plattformen
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